Unsere Schichten
Normalerweise sehen wir uns als Individuen, die in ihrer Umwelt herumlaufen und handeln. Wir identifizieren uns mit unserem Körper und seinen Bedürfnissen und sagen: Ich habe Hunger, ich bin müde und so weiter.
Abb. 1
Betrachten wir das mal genauer, stellen wir fest: Durch unseren physischen Körper handeln wir in unserer physischen Umgebung. Wir handeln durch ihn - das heißt, wir sind in ihm und geben ihm die Anweisung zum Handeln, die er dann tätigt. Obwohl unser Körper viele Dinge selbstständig auszuführen vermag (Atmen, Nahrung verdauen, Selbstheilung usw.), läuft er doch im allgemeinen nicht von selber in der Gegend herum und tut etwas - sondern wir steuern ihn. Wenn wir z.B. einen Arm heben wollen, geben wir als Bewusstsein die Anweisung dazu an unseren Körper und er führt diese Aktion aus.
Es gibt also ihn und darin gibt es uns, genau wie es ein Auto und einen Fahrer darin geben mag, oder einen Kran und einen Kranführer. Wir können unsere anfängliche Sicht jetzt verfeinern: Wir als Persönlichkeit in unserem Körper geben ihm Anweisungen, und er als physisches Vehikel, als "Erdenanzug", setzt sie in der Umwelt um. Ähnlich wie ein Auto mal neues Benzin oder einen Ölwechsel braucht, hat unser Körper Bedürfnisse, um die wir uns als Inhaber kümmern müssen, sonst funktioniert er nicht reibungslos.
Andererseits ist der Körper viel mehr als nur eine Maschine. Er lebt, als höchst komplexes biologisches System, das sich ständig selbst zu erhalten trachtet. Ein jeder Körper hat so seine Eigenarten, man kann ihn aber disziplinieren, und er wird sich anpassen. Ähnlich wie bei der Dressur eines Pferdes...
Allerdings sollten wir uns nicht verwechseln mit unserem Fahrzeug! Wie ein Auto nicht ewig hält, ist auch die Benutzbarkeit unseres Körpers nicht für alle Ewigkeit vorgesehen. Irgendwann wird es selbst bei guter Pflege notwendig sein, ihn abzulegen und und einen neuen zu wählen (siehe auch unter Kleine Jenseitskunde ).
Abb. 2
Auf dieser Stufe identifizieren wir uns mit der Persönlichkeit in unserem Körper.
Durch einfaches Sitzen in Meditation und Selbstbeobachtung können wir unsere Wahrnehmungsfähigkeit zunehmend verbessern: Wir beobachten uns selbst und nehmen unsere Persönlichkeit immer deutlicher wahr. Wir erkennen sie jetzt als individuelle Mischung aus Vorlieben und Abneigungen, stark geprägt durch Erziehung und Konditionierung, Erfahrungen mit Mitmenschen, Landeskultur und Zeitepoche.
Mit der Zeit nehmen wir wahr, daß es da nicht nur die Persönlichkeit gibt, mit der wir uns bisher identifiziert haben, sondern auch den Teil in uns, der sie beobachtet - und folglich außerhalb von ihr ist. Dieser Teil von uns steht außerhalb des Wertsystems der Persönlichkeit. Er bewertet und verurteilt sie nicht, greift auch nicht in ihre Handlungen ein, er beobachtet nur und wirkt daher zunächst auf uns sehr neutral.
Abb. 3
Schon diesen Beobachter immer öfter wahrzunehmend ist befreiend, weil dieser Teil von uns einen riesigen Abstand zu den Problemen unserer Persönlichkeit hat. Schon dies kann uns helfen, von unseren täglichen Verstrickungen in unser Alltagsgeschehen ein wenig abzurücken.
Mit der Zeit stabilisiert sich hier unsere Wahrnehmung, und wir erkennen, dass dieser Teil von uns weiser ist als unsere Persönlichkeit. Er ist unser "Höheres Selbst", unsere Seele, so zu sagen eine erweiterte Ausgabe unserer Selbst, die jenseits der Konditionierungen unserer Persönlichkeit existiert.
Wenn wir uns für unser Höheres Selbst öffnen, kann eine direkte Kommunikation mit ihm aufgebaut werden. Das Höhere Selbst mischt sich zwar niemals ein, ist aber andererseits immer für uns da. Auf unsere direkten Fragen können direkte Antworten in Form von Gefühlen oder Bildern kommen, je nachdem auf welcher Ebene wir die Antwort am besten verstehen können. Ist der Kontakt stabil genug, sind später auch Dialoge in gedanklichen Sätzen möglich. Hierbei kann man sein Höheres Selbst wie einen zweiten Gedankenstrom parallel zu dem der Persönlichkeit in seinem Bewusstsein wahrnehmen. Das ist in etwa wie beim Chatten: In einem "Fenster" stellt man eine Frage, in einem zweiten erscheint die Antwort. Dies ist eine telepathische Verbindung, man channelt sein eigenes Höheres Selbst.
Wie kann man wissen, ob man sich das Ganze nicht nur einbildet? Nun, spätestens wenn man Informationen durchgegeben bekommt, die man als Persönlichkeit nicht haben konnte und die sich als wahr herausstellen, oder wenn man mit dem nicht einverstanden ist, was man gesagt bekommt, sich aber zähneknirschend eingestehen muß, dass was dran sein könnte, auch wenn einem das nicht passt... denn wenn man sich das Gespräch als Persönlichkeit ausdenken würde, würde man sich sicher lieber bequemere Dinge sagen!
Abb. 4
Jetzt können wir uns zunehmend mit unserem Höheren Selbst identifizieren.
Als Persönlichkeit hatten wir erkannt, daß wir uns zwar um die Belange unseres Körpers kümmern müssen, soweit die erforderlich sind, uns aber nicht mit ihm zu verwechseln brauchen. Wir nutzen ihn als Vehikel, um in seiner physischen Umgebung handeln zu können.
Jetzt erkennen wir, dass wir auf einer feineren Ebene das Selbe wieder anwenden können: Wenn wir uns nicht mehr mit unserer Persönlichkeit verwechseln, können wir sie ebenfalls als Ausdrucksmittel benutzen - zum Handeln in ihrer Umgebung, der zwischenmenschlichen Ebene. Wenn es notwendig ist, gehen wir in unsere Persönlichkeit hinein und handeln unseren Mitmenschen gegenüber als solche. Wenn unsere Handlung abgeschlossen ist, gehen wir wieder hinaus aus ihr und erleben uns wieder in unserer neuen Freiheit als Höheres Selbst.
Soweit gekommen, wird es uns nicht mehr überraschen, nach und nach immer neuere, tiefere, feinere Ebenen unserer Selbst zu entdecken. Die Erkenntnis tieferer Schichten in uns bedeutet immer eine Erweiterung für uns selbst, weil sie jeweils alle drüberliegenden Ebenen beinhalten und zugleich noch viel mehr sind. So dehnen wir unser Bewusstsein aus und erkennen immer mehr unsere Einheit mit allem.
Alle diese Teile von uns sind jetzt bereits da, nur zugedeckt durch die jeweils darüberliegenden, genau wie unser Höheres Selbst schon immer da war, nur verdeckt durch die Persönlichkeit. Man kann sich das wie bei einer Zwiebel vorstellen: Eine Haut liegt über der anderen, und die Zwiebel selbst ist das Ganze. Zunächst halten wir uns nur für die äußere Schicht, dann sind wir die nächst tiefere Schicht und die Außenschicht, und erst nach der letzten Schicht ganz innen haben wir das volle Bewusstsein des Ganzen.

Durch jede Schicht, jeden "Körper" den wir entdecken und uns zu eigen machen, ermöglichen wir uns Handlungsfreiheit in der jeweiligen Ausdrucksebene, der jeweiligen Umgebung, und können dort somit durch neue Erfahrungen wachsen und reifen. Die Ebenen werden immer subtiler, feinstofflicher, ausgedehnter und dadurch weniger abgrenzbar von ihren Umgebungen und dem ganzen Kosmos.
Ganz innen, unter allen Schichten ist die Erfahrung unserer ureigensten Göttlichkeit. Die Erfahrung, schon immer alles gewesen zu sein, immer da gewesen zu sein, die ganze Zwiebel, das ganze Universum. Schon immer, das bedeutet, auch zu der Zeit, als noch eine Identifikation mit dem Körper, der Persönlichkeit usw. bestand - also auch jetzt!
Es gibt da ein Gleichnis aus dem Yoga: Ein Vogel sieht einen anderen Vogel ruhig und majestätisch auf der Spitze eines Baumes sitzen und bekommt Lust, auch dorthin zu fliegen. Der Flug nach oben ist zuweilen turbolent, und manchmal drückt ihn der Luftstrom wieder hinunter. Schließlich erreicht er den Vogel - und hier ändert sich das Bild. Indem er mit dem Vogel verschmilzt, erkennen wir, dass es in Wirklichkeit immer nur den einen Vogel oben auf der Baumspitze gegeben hat. Und der Vogel erkennt das auch. Er war tatsächlich die ganze Zeit schon oben, aber um dies zu erfahren, musste er den Vogel oben erst erreichen.
Denn leider gibt es einen großen Unterschied zwischen der bloßen verstandesmäßigen Erkenntnis, eins mit allem zu sein, und dem tatsächlichen Erfahren der universellen göttlichen Einheit. Deshalb gilt es, schon jetzt von der Einheit auszugehen und immer mehr so zu handeln, wie es angemessen sein wird in einem Zustand, in dem die Einheit erfahren wurde. Denn dadurch wird der ohnehin nur in unserer eigenen begrenzten Sicht vorhandene Abstand zwischen dem Individuum (dem unteren Vogel) und dem Ganzen (dem oberen Vogel) zunehmend kleiner und unwichtiger. Und wir nähern unser Bewusstsein immer mehr der Einheit an.